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Rezension
Deutsch an Schulen – eine Sprache im Werden

Wie steht es um die Sprache in den Schulen? Die Forschung hat Antworten auf diese Frage in einem Bericht zusammengefasst.

Von Ina Lohaus 05.01.2022

Forschung & Lehre: Frau Professorin Bredel, es hat im Laufe der Geschichte immer schon Klagen über den Verfall der deutschen Sprache gegeben. Warum wurde gerade jetzt die Lage der deutschen Sprache in den Schulen untersucht?

Ursula Bredel: Die These des Verfalls der deutschen Sprache gibt es seit Jahrhunderten. Befeuert wurde und wird sie in jüngerer Zeit durch das Hinzutreten neuer, digitaler Kommunikationspraktiken. Empirisch gedeckt war sie nie. Ein Bericht, der datengestützte Befunde zum Sprachgebrauch von Schülern und Schülerinnen zusammenträgt, kann dazu beitragen, die Debatte zu versachlichen.

Portraitfoto von Prof. Dr. Ursula Bredel
Ursula Bredel ist Professorin für deutsche Sprache und ihre Didaktik an der Universität Hildesheim. Zusammen mit Helmuth Feilke, Professor für Germanistische Linguistik und Sprachdidaktik an der Universität Gießen, hat sie das Buchprojekt geleitet. privat

F&L: Worauf richtete sich das Hauptaugenmerk?

Ursula Bredel: Die Kernaufgabe der Schule ist die Einsozialisierung in die Bildungssprache. Wir haben uns daher auf die Entwicklung bildungssprachlicher Kompetenzen konzentriert. Eine erste wichtige Erkenntnis ist, dass vieles, was auf den ersten Blick wie ein Fehler wirkt, der die Sprachverfallsthese nährt, sich als Ausdruck des sprachlichen Umbauprozesses auf dem Weg von der Alltagssprache zur Bildungssprache erweist. Eine zweite wichtige Erkenntnis ist, dass Schüler und Schülerinnen beim Erwerb der Bildungssprache besonders von sprachlichen Modellen profitieren – eine Perspektive, die mit der Dominanz des konstruktivistischen Paradigmas aus der Mode gekommen ist.

F&L: Haben Sie signifikante Veränderungen im Sprachgebrauch von Schülerinnen und Schülern festgestellt?

Ursula Bredel: Die Veränderungen, die in unserem Bericht dokumentiert sind, lassen sich am besten als Verschiebungen beschreiben: Bis in die 1970er Jahre hinein stand die formale Bildung im Vordergrund. Die Schüler und Schülerinnen orientierten sich stärker an Sprach- und Textnormen. Das führte zu einer hohen Normkonformität in der Rechtschreibung und der Grammatik. Mit der sogenannten kommunikativen Wende wurden die Bildungsziele in Richtung einer Stärkung der Kommunikationsfähigkeit verschoben. Im Zentrum standen der individuelle Ausdruck, Argumentations- und Kritikfähigkeit. Die Texte der Schüler und Schülerinnen wurden länger und argumentativ flexibler, Rechtschreibung und Grammatik nahmen einen geringeren Stellenwert ein.

F&L: Sind Abiturientinnen und Abiturienten mit der am Gymnasium erlernten Schriftsprache ausreichend für ein Hochschulstudium gerüstet?

Ursula Bredel: Wir haben in unserem Bericht einen nur sehr kleinen Ausschnitt der Sprache von Abiturienten und Abiturientinnen dokumentiert: Es geht um die Kommasetzung in Abituraufsätzen zwischen 1948 und 2018. Insgesamt konnte auch hier die oben genannte Verschiebung festgestellt werden. Die Kommasetzung der Abiturienten und Abiturientinnen von heute ist weniger sicher, das Textvolumen hat sich demgegenüber verdoppelt. Abiturienten und Abiturientinnen von heute bringen also andere Fähigkeiten mit als die vor 60 Jahren. Damit sie auch die formalen Anforderungen umfänglich meistern, haben viele Universitäten Schreibzentren eingerichtet. Wünschenswert wäre es, wenn die Schule auf beide, die kommunikativen und die formalen Fähigkeiten so vorbereiten würde, dass die Schreibzentren sich darauf konzentrieren könnten, mit den Studierenden an der Professionalisierung des wissenschaftlichen Schreibens zu arbeiten, das noch einmal vor neue Herausforderungen stellt.

Cover des Buches "Die Sprache in den Schulen – Eine Sprache im Werden."
Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung / Union der deutschen Akademien der Wissenschaften (Hg.): Die Sprache in den Schulen – Eine Sprache im Werden. Dritter Bericht zur Lage der deutschen Sprache. Erich Schmidt Verlag 2021, 29,95 Euro. Erich Schmidt Verlag

F&L: Inwieweit ist gut lesen und schreiben zu können eine Frage der Chancengerechtigkeit?

Ursula Bredel: Einer der wichtigsten Befunde unserer Studie ist, was schon vielfach von anderer Seite bestätigt wurde: Es gibt ganz erhebliche Unterschiede zwischen Schülern und Schülerinnen des Gymnasiums gegenüber denen aller anderen Schulformen. Wie unser Bericht zeigt, beginnen die Ungleichheiten bereits vor Schuleintritt: Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern sind kaum auf die Anforderungen der Schule vorbereitet. Das schulische Angebot, das an den Voraussetzungen von Kindern aus bildungsnahen Elternhäusern ansetzt, bietet ihnen kaum Kompensationsmöglichkeiten. Die Unterschiede zwischen Schülern und Schülerinnen des Gymnasiums und Schülern und Schülerinnen der Gesamtschule werden im Verlauf der Schulzeit nicht kleiner, sondern größer.

F&L: Welche Aufgaben ergeben sich aus dem Bericht für die Bildungspolitik?

Ursula Bredel: Wir sehen mindestens vier bildungspolitische Herausforderungen: (1) Eine Stärkung der Fachdidaktik in der Lehrerbildung, die in vielen Universitäten ein Schattendasein führt. (2) Eine Stärkung der Haupt-, Real- und Gesamtschulen, die den Lehrern und Lehrerinnen aktuell kaum Zeit und Ressourcen für die Bearbeitung ihrer Kernaufgaben zur Verfügung stellen. (3) Der Aufbau eines Fort- und Weiterbildungsangebots für Lehrer und Lehrerinnen, das aktuell nur unstrukturiert und diskontinuierlich erfolgt. (4) Die Stärkung einer genuin sprachdidaktischen Forschung, die noch zu häufig zwischen Sprachwissenschaft und Bildungswissenschaft zerrieben wird.


Dieses Interview ist zuerst in der Dezember-Ausgabe von Forschung & Lehre erschienen.

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