Menschen feiern auf der Berliner Mauer
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Martin Sabrow über Nationalfeiertage
Tag der deutschen Einheit

Am 3. Oktober haben bundesweit Menschen der Wiedervereinigung gedacht. Ein Zeithistoriker erklärt die Bedeutung solcher Gedenktage für Gesellschaften.

Von Katrin Schmermund 04.10.2018

Forschung & Lehre: Herr Professor Sabrow, welche Bedeutung haben Gedenktage wie der Tag der deutschen Einheit für eine Gesellschaft?

Martin Sabrow: Gedenktage zielen auf Selbstvergewisserung und mit ihrer periodischen Wiederkehr verbindet sich zugleich die Gefahr ihrer Ritualisierung und Sinnentleerung. Totensonntag und Volkstrauertag bezeichnen jährlich wiederkehrende Erinnerungsdaten, die ihre kalendarische Stärkung bis heute halbwegs bewahrt haben, der Tag des Juniaufstands 1953 in der DDR ist das Musterbeispiel eines Gedenktages mit schwankender Konjunktur, der vor 1989 weitgehend verblasst war und nach dem Sturz des SED-Regimes wieder gedenkpolitische Aufwertung erfuhr.

"Die einstige Heldenverehrung ist zu einer opferorientierten Schamkultur geworden, die stärker die Brüche als die Kontinuitäten der Zeitgeschichte in den Blick nimmt" Martin Sabrow

Prof. Dr. Martin Sabrow
Professor Dr. Martin Sabrow ist Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung (ZZF) und Lehrstuhlinhaber der "Neuesten und Zeitgeschichte" an der HU Berlin. ZZF Potsdam

Forschung & Lehre: Wie hat sich die Art der "Erinnerungskultur" verändert?

Martin Sabrow: Das Wort "Erinnerungskultur" bezeichnet einen besonderen Modus der Vergangenheitsvergegenwärtigung, der seit den 1980er Jahren einen bis heute anhaltenden Boom erlebte und in dieser Intensität die Stelle des emphatischen Zukunftsbezugs der Fortschrittsära davor eingenommen hat. Im Zuge dieser Entwicklung hat die einstige Heldenverehrung einen durchgreifenden Wandel erfahren und ist zu einer opferorientierten Schamkultur geworden, die stärker die Brüche als die Kontinuitäten der Zeitgeschichte in den Blick nimmt. Dieser Wandel hat die Gedenktage nicht unberührt gelassen und neben dem Jubiläum des sogenannten hellen Gedächtnisses auch dem Gedenktag des sogenannten dunklen Gedächtnisses einen prominenten Status zugewiesen. Gedenken, das unseren Zeitgeist trifft, ist eher auf reflexive Distanzierung statt auf stolze Identifikation angelegt; das jährliche Jubiläum des Falls der Berliner Mauer am 9. November stellt hier die Ausnahme und nicht die Regel dar.

Forschung & Lehre: Welche Art des Gedenkens ist aus wissenschaftlicher Sicht besonders stärkend für den gesellschaftlichen Zusammenhalt?

Martin Sabrow: Das ist aus fachhistorischer Perspektive nicht plausibel zu entscheiden. Auf Jahrestage bezogenes Gedenken wirkt dort stark, wo es das Geschichtsverständnis der Gegenwart trifft – so der 15. Januar als Jahrestag der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, der jährlich in Berlin Tausende von Menschen zu einem Gedenkmarsch an die Gräber der beiden KPD-Führer auf die Beine bringt.

Forschung & Lehre: Das diesjährige Motto des Tags der deutschen Einheit war "Nur mit euch". Anders als in den vergangenen Jahren forderte es explizit zur aktiven Mitgestaltung auf – Wie begründen Sie dies?

Martin Sabrow: Partizipative Formen der Vergangenheitsaneignung liegen im Trend der Zeit – auch Geschichtsmuseen sehen sich mit der oft vehement abgelehnten Forderung nach Partizipativität konfrontiert. Gleichwohl bleiben der 3. Oktober und der 9. November Tage eines in erster Linie staatlichen Gedenkens, der die familiär tradierten oder selbst gespeicherten Erinnerungen an den erfolgreichen Weg in die Deutsche Einheit nur partiell zu integrieren vermag, und diese gespaltene Erinnerung lässt den 3. Oktober vermutlich auch weiterhin ein eher papierenes als gelebtes Erinnerungsdatum bleiben.

Tag der deutschen Einheit 2019

Im kommenden Jahr ist Schlewswig-Holsteins Landeshauptstadt Kiel Gastgeber der zentralen Feiern am Tag der deutschen Einheit. 2019 steht diese unter dem Motto "Mut verbindet". Man wolle an den Mut der Menschen in der damaligen DDR erinnern, die mit ihren Protesten 1989 den Fall der Mauer erreichten, sagte Daniel Günther (CDU), Ministerpräsident von Schleswig-Holstein. Es sei aber auch ein Appell, Mut zu zeigen und die Demokratie zu verteidigen, denn diese sei nicht gegeben, sondern erfordere Engagement.


Die Tagesthemen vom Tag der deutschen Einheit: 3. Oktober 1990

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