Ein Foto des trockenen Amazonasgebiets.
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Klimakrise
Amazonasgebiet so trocken wie lange nicht mehr

Das größte Regenwaldgebiet der Welt erlebt gerade eine Jahrhundertdürre und extreme Hitze. Die Folgen für Menschen und Tiere sind verheerend.

20.11.2023

Das wasserreichste Gebiet der Welt, das Amazonasbecken, erleidet derzeit die schlimmste Trockenheit seit über einem Jahrhundert. Die Auswirkungen für die Menschen, die Wirtschaft vor Ort, sowie Pflanzen und Tiere in Südamerika seien laut Expertinnen und Experten gravierend. Ein Ende der Krise sei nicht in Sicht, denn der grünen Lunge des Planeten mangele es ausgerechnet an dem, von dem sie sonst reichlich hat: Wasser. Die Pegelstände einer der wichtigsten Flüsse seien so stark gesunken wie noch nie zuvor.

Für die Menschen vor Ort bedeutet das: Versorgungsengpässe. "Es sind Hundertausende von Menschen in den Staaten, die jetzt unter dieser Dürre leiden", sagte Rômulo Batista von der Umweltschutzorganisation "Greenpeace" zu der Deutschen-Presse-Agentur (dpa). 

Das Amazonasgebiet ist so groß wie Westeuropa und erstreckt sich über neun Bundesstaaten in Brasilien. Am stärksten betroffen von der derzeitigen Dürre sei der Staat Amazonas. Der zweitgrößte Nebenfluss des Amazonas, der Rio Negro, hatte dort, in der Nähe der Provinzhauptstadt Manaus, Ende Oktober einen noch nie dagewesenen Tiefstwert: 12,7 statt sonst 18 Metern, so der Geologische Dienst Brasilien (SGB).

Der niedrige Pegelstand stelle die Bevölkerung in dem weltweit größten und komplexesten Netzwerk von Flussläufen, durch das ein Fünftel des globalen Süßwassers fließt, vor Probleme. Viele, die auf ihre Boote angewiesen seien, können sich nun nicht mehr damit auf den Flüssen fortbewegen, vermeldet die dpa. Die Versorgung mit Wasser, Lebensmitteln und Medikamenten werde immer schwieriger. Der Bundesstaat Amazonas rief daher den Notstand aus. Fast 600.000 Menschen sind betroffen. 

Nicht nur Menschen, sondern auch Tiere litten unter der aktuellen Situation im Amazonasbecken. Denn es ist Heimat für eine atemberaubende Vielzahl von Flora und Fauna. In der Gemeinde Coari, etwa 360 Kilometer von Manaus entfernt, wurden 70 tote Süßwasserdelfine gefunden. Das berichtete jüngst das Nachrichtenportal G1. In der Nähe im Lago Tefé gab es Ende September bereits über 100 tote Süßwasserdelfine. Laut dem Forschungsinstitut Mamirauá für nachhaltige Entwicklung wird die Todesursache noch untersucht, aber es sei davon auszugehen, dass sie mit der aktuellen Hitze und Trockenheit der Region in Verbindung stehe. 

Extremwetterereignisse haben extreme Auswirkungen 

Vor allem die Geschwindigkeit, mit der die Dürre die Flüsse austrocknet, ist das, wovon sie sich von anderen unterscheidet, so Klimaschützer Batista. "Viele Orte hatten keine Zeit, sich vorzubereiten", sagte er gegenüber der dpa. Verstärkt wird die Krise von El Niño. Das alle paar Jahre auftretende Wetterphänomen sorgt auch im Norden Brasiliens für mehr Trockenheit und Hitze. Laut der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) wird es noch bis mindestens April 2024 anhalten. "Extremereignisse wie Hitzewellen, Dürren, Waldbrände, starke Regenfälle, Überschwemmungen und Hochwasser werden sich in einigen Regionen verstärken", mahnt der Generalsekretär Petteri Taalas, "und erhebliche Auswirkungen haben." 

Den größten Regenwald der Welt trifft das besonders hart. Trockenheit, Verschmutzung der Flüsse, Brände und Abholzung bedrohen ihn schon seit Jahrzenten. Die Entwaldung ist seit dem Amtsantritt von Präsident Luiz Inácio Lula da Silva zu Beginn des Jahres zwar weniger geworden, aber vom "Null-Abholzung"-Ziel ist Brasilien nach wie vor weit entfernt.

Allein im Oktober habe es mehr als 22.000 Brände gegeben, so viele wie in den vergangenen 15 Jahren nicht mehr, meldete das Nationale Institut für Weltraumforschung (Inpe). Bei Manaus führten illegale Brandrodungen und Trockenheit dazu, dass die Millionenstadt in Rauch gehüllt wurde. Und das Schlimmste an der Negativspirale von Umweltproblemen: "Wir wissen, dass diejenigen, die am meisten unter der Klimakrise leiden, genau diejenigen sind, die die globale Erwärmung am wenigsten verursacht haben", so Batista von "Greenpeace". 

kfi/dpa