Karriere

Von der Promotion über die Postdoc-Phase bis zur Professur – diese Rubrik unterstützt mit kurzen Ratgeber-Texten und ausführlichen Hintergrund-Artikeln Ihre berufliche Karriere.


Ein Kind steht hinter einer Tür und hält eine Rose, als wolle es sich entschuldigen.
mauritius images / Liza Koifman / Alamy

Konflikte im Beruf
Ob man Vergeben und Vergessen sollte

Im beruflichen Kontext kommt es unausweichlich auch zu Fehlverhalten. Wie wir damit umgehen können, erläutert unsere Autorin.

Von Susanne Boshammer 03.07.2021

Wo Menschen zusammenarbeiten, kommt es unausweichlich zu Verletzungen. Nicht immer behandeln wir einander mit ausreichend Respekt. Da ist der Kollege, der vor dem ganzen Team bloß­gestellt wird; die Mitarbeiterin, die die zugesagte Beförderung nicht bekommt, oder die Vorgesetzte, hinter deren Rücken böswillige Gerüchte gestreut werden. Wie wir mit solchen Unrechtserfahrungen umgehen sollten, wird in der Philosophie seit jeher kontrovers diskutiert: Wie reagiert man richtig auf falsches Verhalten?

Die "Kampf-oder-Flucht"-Reaktion

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erforschte der Physiologe Walter Cannon, wie Menschen auf Bedrohungen reagieren, und er prägte den Begriff der "Kampf-oder-Flucht"-Reaktion: Im Fall eines Angriffs setzt der Organismus Stoffe frei, die uns im Idealfall in die Lage versetzen, entweder zurückzuschlagen oder das Weite zu suchen. Wenn Menschen Unrecht erleiden, zeigt sich etwas Ähnliches: Der Wunsch nach Vergeltung mischt sich mit dem Impuls, auf Distanz zu gehen, um weiteren Verletzungen vorzubeugen. Beide Strategien haben jedoch ihre Tücken. Vergeltungsschläge führen oft dazu, dass sich Konflikte verstetigen – zumal wir im Zorn nicht selten übertreiben und uns selbst ins Unrecht setzen. Der Fluchtweg hingegen ist häufig versperrt. Es ist kaum möglich, der eigenen Familie, den Nachbarn, Vorgesetzten oder Kollegen auf Dauer aus dem Weg zu gehen. Wer nicht bei jeder schweren Kränkung sein soziales Umfeld wechseln will, muss beizeiten einen anderen Umgang mit Verletzungen finden.

Was wir tun, wenn wir vergeben

Eine Alternative besteht im Verzeihen. Statt zurückzuschlagen oder Abstand zu suchen, zeigen wir Entgegenkommen. Wir beschließen, unseren Groll nicht länger zu nähren und ihn nach und nach zu überwinden. Dabei geht es nicht nur um das eigene Gefühlsleben. Zum Verzeihen gehört auch, dem anderen keine Vorwürfe mehr zu machen und ihm – im Stillen oder ausdrücklich – zu erlauben, das schlechte Gewissen zu beruhigen, das er uns eigentlich schuldig ist. Verzeihen ist ein Beziehungsakt: Wir üben unsere normative Autorität aus, indem wir die betreffende Person von der Pflicht entbinden, sich uns gegenüber vorzuwerfen, was sie getan hat.

Das muss nicht auf eine Versöhnung hinauslaufen, und es geht auch nicht um Nachsicht oder Billigung oder darum, jemandes Fehlverhalten zu entschuldigen. Verzeihen hat nichts damit zu tun, dass wir ein Auge zudrücken, das Geschehene rechtfertigen oder jemanden von Schuld freisprechen. Im Gegenteil: Wer verzeiht, macht damit gerade deutlich, dass die betreffende Person ihm schuldhaft Unrecht getan hat – wäre das nicht so, gäbe es nichts zu verzeihen.

Die Tugend der Vergebungsbereitschaft

Vergebungsbereitschaft gilt gemeinhin als Tugend. Menschen, die verzeihen, lassen sich von ihren Affekten nicht beherrschen und verhindern, dass Konflikte eskalieren. Sie zeigen Souveränität und tragen zum sozialen Frieden bei. Das kommt auch ihnen selbst zugute. Studien deuten darauf hin, dass Verzeihen sich positiv auf den Blutdruck auswirken kann, das Depressionsrisiko verringert und die Resilienz stärkt.

"Wer verzeiht, unterscheidet zwischen Tat und Täter und reduziert den anderen nicht auf das, was er getan hat."

Auch moralisch lässt sich vieles zugunsten des Verzeihens sagen. Schließlich gilt für jede und jeden von uns, dass wir anderen gelegentlich Unrecht tun. Wir alle sitzen im selben Boot. Schon aus Gründen der Fairness und der Solidarität spricht daher manches für eine Art Goldene Verzeihensregel: "Wenn Du willst, dass man Dir verzeiht, dann sei auch selbst dazu bereit."

Dass der andere auch nur ein Mensch ist, kann ein Grund sein, ihm eine zweite Chance zu geben. Mindestens ebenso wichtig ist jedoch die Erkenntnis, dass wir alle immerhin Menschen sind – trotz unserer Schwächen. In unserem Gegenüber den ganzen Menschen zu sehen und ihn als solchen anzuerkennen, kennzeichnet die Haltung der Humanität, die im Verzeihen einen praktischen Ausdruck findet: Wer verzeiht, unterscheidet zwischen Tat und Täter und reduziert den anderen nicht auf das, was er getan hat. Das erinnert an Mahatma Gandhis Rat, der sich ganz ähnlich bereits bei Augustinus findet: "Hate the sin and not the sinner."

Warum wir nicht alles verzeihen sollten

Das heißt allerdings nicht, dass verzeihen immer richtig oder gar geboten wäre. Tatsächlich gibt es gute Gründe, Vergebung zu verweigern und dem anderen das schlechte Gewissen gerade nicht zu ersparen. Schon der Kirchenvater Lactantius warnte: "Wer immer verzeiht, der stärkt die Frechheit zu größeren Freveln." Vergebungsbereitschaft kann kontraproduktiv sein. Schlimmstenfalls missversteht der übergriffige Kollege mein Entgegenkommen als Billigung und fühlt sich noch ermutigt, so weiterzumachen wie bisher. Um uns selbst oder andere vor weiteren Verletzungen zu schützen, sind wir gut beraten, nicht zu bereitwillig zu verzeihen.

"Zwar kann Vergebungsbereitschaft durchaus zur Selbstachtung beitragen, doch manchmal müssen wir hart bleiben, wenn wir uns treu bleiben wollen."

Auch Gerechtigkeitsüberlegungen lassen sich gegen die Vergebungsbereitschaft anführen, denn wer verzeiht, verzichtet darauf, die andere Person für ihr Fehlverhalten angemessen büßen zu lassen. Das mag ein Akt der Großmut sein oder auch nur Ausdruck von Konfliktunfähigkeit. Gerechtigkeit erfordert jedoch, dass Menschen, die Unrecht tun, damit nicht einfach so davonkommen. So gesehen spricht einiges dafür, der Kollegin, die regelmäßig meine Ideen als ihre ausgibt, die kalte Schulter zu zeigen, statt ihr erneut zu verzeihen. 

Und schließlich ist es mitunter auch die gebotene Sorge um die eigene Selbstachtung, die uns davon abhält, jemandem zu verzeihen. Frieden ist ein hohes Gut, aber er ist zu teuer erkauft, wenn wir uns selbst nicht mehr im Spiegel ansehen können. Zwar kann Vergebungsbereitschaft durchaus zur Selbstachtung beitragen – wer verzeiht, demonstriert seine normative Autorität und verlässt die "Opferrolle" – doch manchmal müssen wir hart bleiben, wenn wir uns treu bleiben wollen.

Moralische Fehlerkultur

Führt man sich diese Einwände gegen das Verzeihen vor Augen, wird verständlich, warum viele Menschen ihre Vergebungsbereitschaft davon abhängig machen, dass man sie ausdrücklich um Verzeihung bittet. Tatsächlich kann diese Geste die genannten Bedenken entkräften: Wer aufrichtig um Verzeihung bittet, macht deutlich, dass er sein Verhalten bereut, das Unrecht seiner Tat anerkennt und die Rechte des anderen fortan respektieren wird. Zugleich lässt sich die Bitte um Verzeihung als eine Art Buße verstehen. Es ist nicht eben angenehm, eigene Fehler eingestehen und ausgerechnet diejenige Person um etwas bitten zu müssen, die man verletzt hat.

Vor diesem Hintergrund scheint es mir bedenkenswert, uns auch in unserem beruflichen Umgang miteinander um eine Art moralische Fehlerkultur zu bemühen, die es allen Beteiligten leichter macht, Unrecht zu benennen, das ihnen widerfahren ist, und sich für Fehler zu entschuldigen, die sie selbst gemacht haben. Das hätte zugleich den Vorteil, dass wir über unsere – erfahrungsgemäß unterschiedlichen – moralischen Erwartungshaltungen ins Gespräch kämen. Dass Menschen mitunter jahrelang an ihrem Groll festhalten und vergeblich auf eine Entschuldigung warten, kann schließlich auch daran liegen, dass der andere sich gar keiner Schuld bewusst ist.