Illustration: mehrere verschiedenfarbige Icons eines Doktorhutes
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Promotion
Wer promovieren sollte und wer nicht

Wer sein Studium erfolgreich abgeschlossen hat, steht vor der Entscheidung zu promo­vieren. Wann und für wen ist der Weg zum Doktor wirklich sinnvoll?

Von Volker Ladenthin 19.08.2022

Die Promotion ist eine besondere Art der Qualifikation. Sie weist die "Befähigung zum selbstständigen wissenschaftlichen Arbeiten nach" (Hochschulrektorenkonferenz). Mit dieser noch sehr allgemeinen Bestimmung lassen sich bereits zwei Gruppen von Kandidaten unterscheiden, denen eher von einer Promotion abzuraten ist.

Kandidaten und ­Nicht-Kandidaten

Zunächst gibt es jene Gruppe, die sich selbst überschätzt. In meiner Profession haben die Bewerberinnen und Bewerber zum Beispiel erfolgreich ein soziales Projekt durchgeführt und wollen so eine Art Praxisbericht mit eingefügten Dokumenten als Dissertation einreichen. Dazu werden dann immer Interviews mit den Betroffenen integriert. Solch ein Vorhaben unterschätzt die Qualitätsansprüche heutiger Promotionen gewaltig. Wissenschaftlich zu arbeiten heißt: Den Forschungsstand kennen, beschreiben und überschreiten, nicht aber zusammenzuschreiben, was bereits irgendwo steht.

Vertreter der anderen Gruppe lassen durchblicken, dass ihnen jedes Thema recht sei und sie "aus beruflichen Gründen" am Titel interessiert seien. Diese Kandidaten müssen nicht einmal inkompetent sein, aber sie brennen nicht für ein Thema. Sie werden versuchen, mit möglichst wenig Aufwand ("Für die Note interessiert sich später niemand!") promoviert zu werden. Zum Thema haben sie beispielsweise einen Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gelesen, den sie als Grundlage nehmen.

"Diese Kandidaten müssen nicht einmal inkompetent sein, aber sie brennen nicht für ein Thema."

Dagegen bewirbt sich oft eine andere Gruppe nicht: Die Gruppe der Vorsichtigen, der Behutsamen, der Selbstkritischen. Sie streichen jedes Wort durch, das sie gerade geschrieben haben, und finden nie ein besseres. Zu dieser Gruppe gehören auch jene, die Ansprüche an sich und ihre Arbeit stellen, die nicht erfüllt werden können – und weil man es ahnt, bemüht man sich erst gar nicht um eine Promotion – aus Selbstzweifel. Sie wählen Themen, die zu umfangreich oder mit Sekundärliteratur verklebt sind und weil sie auf etwas zurückgreifen wollen. Sie weisen Selbstverständlichkeiten mit drei Literaturangaben nach, um sich nach allen Seiten hin abzusichern.

Hegel widersprechen

Zur Promotion sollte sich entschließen, wer bemerkt, dass ihm die vorhandene Forschung (zu einem Thema selbstverständlich) korrekturbedürftig erscheint. Wer auf eine empfindliche Lücke stößt. Wer meint, er kann es besser. Wer auf Mängel gestoßen ist, die er beheben will. Wer überzeugt ist, dass er etwas zu sagen hat, was noch nicht gesagt wurde. Wenn dieses Gefühl "Das kann ich besser. Ihr werdet euch wundern! Das sollte die Welt aber noch wissen!" nicht da ist, wird auch die Dissertation eine langweilige Literaturarbeit, die im Ablageschrank verstaubt.

Jeder Promovierende braucht demnach Selbstbewusstsein und den Anspruch an sich selbst, mit der Forschung mithalten zu können. Der Satz "Hier irrte Hegel" sollte vielleicht so nicht im Text stehen. Aber er sollte das Motiv des Schreibens sein. Ohne diesen Anspruch an sich selbst entsteht nur bedrucktes Papier, dessen Rückseite man für Notizen oder Einkaufslisten gebrauchen kann.

Promotion als Etappe betrachten

Strukturell sollte gelten: Die Promotion ist kein Ziel, sondern eine Etappe. Man muss wissen, wohin man will. Es ist ja nicht verwerflich, den Doktorgrad zu erwerben, um dann bessere Chancen im Beruf zu haben. Aber dann sollte man die Arbeit auch zu einem Thema schreiben, das diesen Karrierebezug hat. Die Dissertation ist dann Eintritts- und Visitenkarte.

Will man in der Wissenschaft bleiben, sollte man sich sehr genau über Chancen und weitere Wege im Beruf informieren. Es ist (leider) nicht mehr so, dass man eine gelungene Dissertation vorweist und damit seinen Ruf begründet. Um eine Wissenschaftskarriere erfolgreich zu planen, kommen heute andere Aspekte hinzu: Netzwerken, viele Kontakte, Arbeit mit Stiftungen und Einrichtungen, Besuche von Kongressen und so weiter.

Vielen Bewerberinnen und Bewerbern fehlt leider das oben angesprochene Selbstbewusstsein. Sie haben alles gelesen, kennen alle Daten und haben den Forschungsstand sauber aufgearbeitet. Das Exposé ist fehlerfrei und perfekt formatiert. Sie erscheinen immer pünktlich zum Gespräch, sind exzellent vorbereitet und dann bleiben sie stehen. Sie haben nicht den Mut, Hegel zu widersprechen, zu sagen "Ich weiß das besser!". Vielleicht ist es immer noch ein Teil familiärer Sozialisation, sich anzupassen oder Erwartungen zu erfüllen: "Achte auf die Mehrheitsmeinung, die Political Correctness, gehorche, sei vorsichtig, wage dich nicht zu weit vor….". Das ist korrekt, aber mutlos. Sicherlich vermag es die Soziologie, diesen Habitus auch schichten- oder gruppentheoretisch zu verorten. Promotionsförderung hieße hier Ermutigung.

Fehlender Wagemut und ­Selbstbewusstsein

Wenn man nicht das Gefühl hat "Jetzt komm ich, weil ich es besser kann – oder zumindest besser machen will" ist eine Promotion selten brillant. Einfache Ermutigungen zu mehr Wagemut, zu Selbstbewusstsein reichen aber nicht aus. Man kann 20 Jahre übervorsichtige Elternerziehung nicht in promotionsbegleitenden Arbeitsgesprächen und Doktoranden-Kolloquien kompensieren. Zudem passiert dann oft Folgendes: Die Kandidatinnen und Kandidaten passen sich den Ratschlägen der Betreuer an, versuchen deren Erwartungen zu erfüllen. Und das ist ja gerade nicht Sinn der Ermutigung zur Selbstständigkeit.

Nicht einfach in die Regeln der Wissenschaft einzuführen ist allerdings auch jener Typus, der die Lektüre von Standardwerken als Zumutung und das Erstellen von sachlichen Forschungsberichten als Zeitverschwendung empfindet. Er kennt einen Forschungsansatz, einen Klassiker, er hat eine These – und mit diesem Universalwerkzeug glaubt er, die gesamte Wissenschaft aufrollen und seine spätere Karriere gestalten zu können. Einwände machen ihn nicht nachdenklich, sondern ungehalten. Er könne alle widerlegen, wenn er wolle, sagt er. Lernen wird als narzisstische Kränkung erlebt, weil dieser Typus von Doktorand zwar nicht alles, aber das einzig Richtige weiß.

"Wenn man nicht 'brennt', entsteht bestenfalls solides Mittelmaß."

Je nach Fachbereich sollte man von einer Promotion abraten, wenn der Mut fehlt, etwas zu wagen, zu behaupten, sich abzusetzen, etwas dagegenzusetzen. Verzagt schreibt man keine exzellenten Dissertationen. Wenn man nicht "brennt", entsteht bestenfalls solides Mittelmaß. Abraten würde ich aber auch, wenn jemand nur seine bisherigen Erkenntnisse vortragen, nicht aber den Prozess des Erkennens nachvollziehbar gestalten und begründen will. Abraten würde ich, wenn die berufliche Perspektive nicht klar ist, wenn die soziale Belastung zu groß ist und wenn die Arbeitsorganisation nicht selbstständig geleistet werden kann. Der Satz "Bitte setzen Sie mir Termine, dann bin ich besser organisiert!" ist meines Erachtens ein Killersatz, denn das ist nicht die Aufgabe eines Betreuers. Es soll um Wissenschaft gehen, nicht um Lebenshilfe.

Indiz für erfolgreiche Promotionen

Nach vielen Jahren Erfahrung gibt es ein Indiz, das ziemlich verlässlich angibt, ob die Promotion gelingen wird: Wenn man bei den ersten Korrekturgesprächen merkt, dass Kandidaten die Bemerkungen oder gar Kritik mitschreiben und dann Satz für Satz ihren alten Text überarbeiten, dann wird es problematisch werden. Sie glaubendann nämlich, mit kleinen Korrekturen den Text berichtigen oder verbessern zu können, womöglich so, "wie der Prof. es will". Das Mitschreiben zeigt, dass man glaubt, es ging hier um zu korrigierende Einzelheiten ("falsches Wort"), um Nörgelei an diesem oder jenen. Diese Reaktion zeigt, dass die Kritik als "Bemängelung" verstanden wurde und dass man sich anpassen möchte. Man versucht erst gar nicht, den Betreuer von der eigenen Sicht zu überzeugen. Eine Kritik zielt ja nicht auf Berichtigungen (wie bei einer Klassenarbeit in der Schule), sondern darauf, das eigene Vorgehen insgesamt nochmal zu überdenken. Im Grunde erwartet man als Betreuer, dass der Doktorand sich wehrt und sagt: "Ich bleibe dabei, denn ich habe das aus diesem und jenem Grund so geschrieben. Ich werde das noch einmal und dann so klar schreiben, dass Sie überzeugt sind!" Und dann entsteht durch das Gespräch Wissenschaft. Man hofft doch als Betreuer bis zuletzt, dass der Doktorand es besser macht, als man es selber könnte.

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