Portraitfoto von Prof. Dr. Meinhard Miegel

Standpunkt Bändigt die Kultur!

Die Menschheit hat immense Fortschritte erlebt. Professor Meinhard Miegel ruft zu einem Moment des Innehaltens und der Reflexion auf.

Von Meinhard Miegel 11.03.2018

"Wer und was bin ich?" Diese Frage dürfte den Menschen beschäftigen, seit er zu Bewusstsein gelangt ist. Doch obwohl mittlerweile nicht nur die Wissenschaften, sondern auch die Künste und Religionen viel Erhellendes zu ihrer Beantwortung beigetragen haben, ist die Antwort bis heute seltsam diffus geblieben.

Offenkundig ist der Mensch als Zwitterwesen aus Natur und Kultur nur schwer zu fassen und noch schwerer zu verstehen. Einerseits ist er Geschöpf der Natur und von dieser getragen, gesteuert und geschützt. Andererseits ist er nicht minder Geschöpf seiner eigenen Schöpfung, der Kultur, die ihn ebenfalls trägt, steuert und schützt. Das Dilemma: Diese beiden mächtigen Kraftfelder wirken keineswegs immer in derselben Richtung. Mitunter drohen sie den Menschen zu zerreißen. Für Nietzsche wird er damit zur tragischen Gestalt.

Und je weiter die Evolution voranschreitet, sprich, je tiefer die Kultur in das menschliche Dasein eindringt, desto tragischer wird diese Gestalt. Solange sie, gleich einer Büffelherde, bei versiegenden Wasserquellen und erschöpften Böden weiterziehen konnte, um ihren Lebensunterhalt zu fristen, war auf die Natur halbwegs Verlass. Das galt noch bis in das 19. Jahrhundert, als für amerikanische Siedler ein "go West" eine brauchbare Überlebensstrategie war.

Doch das ist vorbei. Innerhalb einer atemberaubend kurzen Zeitspanne hat die kulturelle Entwicklung die Menschheit an einen Punkt gebracht, wo sie mit dem Rücken zur Wand steht. Die Natur kann ihr Geschöpf kaum noch tragen, steuern und schützen. Sie kann allenfalls zurückschlagen.

Der Mensch als Opfer seiner eigenen Schöpfung

Aufgrund seiner Kultur hat sich der Mensch in einem Maße vermehrt, wie es ihm als Naturwesen niemals möglich gewesen wäre. Er hat in die Natur eingegriffen, wie es ebenfalls nur er vermag. Und er hat eine Welt entstehen lassen, die ob ihrer Künstlichkeit kollabiert, wenn sie nicht mit äußerstem kulturellen Aufwand erhalten wird. Überfordert das den Menschen?

Auszuschließen ist das nicht. Jedenfalls kann er als Kulturwesen nur überdauern, wenn er seine Kultur in nie dagewesener Weise sublimiert: wenn er pfleglichst umgeht mit den natürlichen Grundlagen seiner kreatürlichen Existenz, wenn er zur Vermeidung kräftezehrender Konflikte Rücksicht nimmt auf die Bedürfnisse von Mitmenschen, Tieren und Pflanzen, wenn er lernt, vorausschauend, vorsorglich und mitfühlend zu handeln und wenn er bereit ist, sehr viel selbstloser als bisher zu sein.

Die Kultur hat dem Menschen zu einer alles überragenden Stellung in der natürlichen Ordnung verholfen. Er hat die Natur weitgehend gebändigt. Jetzt ist die Zeit gekommen, sich Gedanken über die Bändigung dieser Kultur zu machen. Sonst könnte das tragische Wesen Mensch Opfer seiner eigenen Schöpfung werden.