Samburu Frau zählt im Bildhintergrund stehende Zebras in Kenia. Sie trägt ein rotes Gewand und kehrt dem Betrachter den Rücken zu.
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Forschung und Corona
Quo vadis, Feldforschung?

Der "Gang ins Feld" ist mit Mobilitätseinschränkungen nur schwer vereinbar. Wie funktioniert er unter Corona-Bedingungen?

Von Charlotte Pardey 30.04.2021

Drehen wir die Zeit zurück: Es ist März 2020, Sie sind Postdoc und haben gerade die Bewilligung eines Drittmittelprojekts erhalten. Ihre Forschung beschäftigt sich mit Frauengruppen in Ostafrika, ein Feldforschungsaufenthalt ist geplant, vier Wochen vor Ort im Sommer. Und plötzlich übernimmt die Corona-Pandemie: Ihre Universität untersagt Dienstreisen, auch persönlich zweifeln Sie daran, ob Sie angesichts der unsicheren Lage aufbrechen sollten. Die Feldforschung wird verschoben, stattdessen nutzen Sie vorhandene Quellen und schreiben lange zugesagte Buchkapitel. Ein Jahr später warten Sie noch immer: Was ist aus der Feldforschung geworden?

In vielen Disziplinen ist Feldforschung ein zentrales Mittel, um sich Informationen zu beschaffen – in Naturwissenschaften, wie der Geologie und Biologie, in Sozialwissenschaften wie der Ethnologie oder Politologie, Psychologie und Linguistik und vielen mehr. Sie alle beobachten, befragen und sammeln "vor Ort" empirische Daten. Dieser "Gang ins Feld" ist entscheidend, das Eintauchen und Teilwerden mit dem Untersuchungskontext. Mit Mobilitätseinschränkungen und Kontaktreduktion scheint Feldforschung nicht vereinbar. Ilyas Saliba, Promovend der Politologie, schreibt im Tagesspiegel gar, dass sie zum Erliegen gekommen sei.

Im Gespräch mit Forschung & Lehre präzisiert Saliba, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Global Policy Institute und am Wissenschaftszentrum Berlin, dass bestimmte Feldforschung noch stattfinden könne, beispielsweise wenn es Kooperationen mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern vor Ort gebe, die Aufgaben übernehmen. Sie könnten entlegene Regionen aufsuchen und Interviewpartner persönlich befragen, Proben entnehmen, analysieren und dokumentieren. Im Idealfall verändere das Forschungskooperationen zum Besseren: die Position der Partner vor Ort würde gestärkt, da Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus Deutschland stärker von ihnen abhängig seien. "Dadurch wird das 'Nord-Süd-Gefälle' in der Forschungswelt aufgeweicht", so Saliba. Dennoch: bei Mobilitätseinschränkungen vor Ort sind auch die lokalen Partner gebunden.

Digitale Feldforschung als Chance


Für Dr. Philipp Budka hängt vieles von der genauen Bedeutung des "Felds" ab: In dem Moment, wo es als Netzwerk oder Raum sozialer Beziehungen verstanden werde, sei beispielsweise ethnografische Feldforschung online möglich. Budka forscht und lehrt an der Universität Wien mit Arbeitsschwerpunkt digitale Anthropologie und Ethnografie. "Angesichts der pandemiebedingten physischen Distanz sucht man sich Alternativen, wie man weiterhin arbeiten kann, wie man weiterhin in Kontakt mit der eigenen Forschung bleibt." Im Ergebnis werde genau wie in anderen Lebensbereichen versucht, gewohnte Verhaltensweisen ins Netz zu verlegen. Mal mehr, mal weniger erfolgreich.

Der Wechsel in den digitalen Raum funktioniere beispielsweise besonders gut, wenn die eigentliche Datensammlung bereits abgeschlossen ist und Kontakte bestehen, an die online nur Nachfragen gestellt werden. In vielen Kontexten der ethnografischen Feldforschung ist laut Budka ein Gespür für die Örtlichkeit, für die Forschungsumgebung wichtig, das sich auch auf die entstehenden Forschungsfragen auswirke: "Digitale Mittel haben mir bei meiner Forschung zu indigenen Gruppen in Kanada, den First Nations, und ihrem Zugang zu digitalen Medien, sehr geholfen, aber meine Fragestellungen hätte ich rein digital weder finden noch beantworten können", erklärt er. Er hat schon vor der Pandemie digitale Feldforschung betrieben, seine Forschungsthemen haben das nahegelegt.

Schlecht bis gar nicht funktioniere die digitale Feldforschung hingegen, wenn es um die teilnehmende Beobachtung von Prozessen und Praktiken geht, die nicht digital ablaufen, so Budka. Ebenso problematisch sei das empirische Miterleben von Prozessen, die Körperlichkeit und Sensorik verlangen: Gerüche und Haptik würden über keine Videokonferenz transportiert, das fehle, wenn man beispielsweise den Trend zur privaten Sauerteigherstellung erforsche.

Folgen digitaler Feldforschung


Wenn Feldforschung digital durchgeführt wird, entstehen Spuren im Netz. Darüber sollte man sich im Klaren sein, gerade bei Forschung zu sensiblen Themen, betont Saliba. In der Forschung zu oppositionellen Gruppen unter autoritären Regimen sei es bereits offline möglich, dass lokale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und Interviewpartner gefährdet werden. Ihnen gegenüber habe der oder die Forschende auch im digitalen Raum Verantwortung: Nicht alle Kommunikationskanäle böten die gleiche Sicherheit gegen Überwachung in den Heimatländern der Interviewten. Emailkontakt und Facebook-Nachrichten stellten keine sicheren Rahmenbedingungen dar: "Dafür gibt es nicht genug Sensibilisierung an Universitäten in Deutschland", bemängelt Saliba. Auch die Überwachung der Forschung selbst werde leichter: "Digitale Feldforschung kann leichter beeinflusst, eingeschränkt und kontrolliert werden, Forscherinnen und Forschern können Informationen vorenthalten und Zugänge erschwert werden."

Digitale Interviews sind allgemein auch nicht gleichzusetzen mit Interviews von Angesicht zu Angesicht. Konstanze Marx, Professorin für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Greifswald mit besonderem Forschungsinteresse an Internetlinguistik und digitaler Ethnografie, erklärt das mit dem digitalen Format: "Die Gesprächssituation ist digital anders gerahmt, es fehlen viele Übergangrituale, die Nähe und Nahbarkeit in Feldforschungskontexten herstellen: das Händeschütteln, die Wahrnehmung des Gegenübers in seiner oder ihrer ganzen Körperlichkeit und der Überblick über den Raum, in dem die Unterhaltung stattfindet. Sind noch weitere Personen im Raum, die das Gespräch beeinflussen oder kontrollieren?" Die jeweils genutzte Plattform könne von dem oder der Interviewten als bekannt und angenehm oder unangenehm empfunden werden, was die Bereitschaft zu einem vertraulichen Gespräch beeinflusse, erklärt Marx. Saliba hat bei Onlineformaten den Eindruck, dass Interviewpartner sich mitunter weniger frei äußern, dass die Bereitschaft zu einem Interview sinke. Natürlich sind aber auch bei Gesprächen von Angesicht zu Angesicht Einflüsse wie die fehlende Sympathie für den Forscher oder die Forscherin nicht auszuschließen.

Blicke in die Zukunft


Ein positiver Effekt der aktuellen Situation ist, dass sie bestehende Entwicklungen im Bereich Digitalisierung beschleunigt. Unter anderem im Hochschulkontext sei Deutschland bei der Digitalisierung im Vergleich zu anderen Regionen wie Skandinavien und Nordamerika zuvor langsam gewesen, erklärt Budka. Dies bessere sich nun.

Auf digitale Feldforschung müssen Studierende als Forschende der Zukunft vorbereitet werden. Konstanze Marx führt ihre Studierenden an digitale Methoden heran: Das Methodenspektrum, das Hochschulen den Studierenden vermitteln, müsse ausgeweitet werden entsprechend der Erweiterung des Methodenrepertoires in der aktuellen Forschung, meint Marx.

Budka rechnet damit, dass jegliche Form des digitalen Datensammelns – von Interview über Inhaltsanalyse bis hin zu teilnehmender Beobachtung – künftig in der Feldforschung größere Bedeutung haben wird. Trotzdem hält er ein Kombinationsmodell auf Dauer für realistischer: Vorarbeiten würden sicher vermehrt online stattfinden, bevor je nach Bedarf vor Ort geforscht werde. Alle wollten so schnell wie möglich in einen normalen Zustand zurückkehren, seien es wartende Promovierende, Postdocs oder Professorinnen und Professoren.

Mehr zu digitaler Feldforschung und Forschung im Internet

Digital Ethnography Initiative von Dr. Philipp Budka, Suzana Jovicic, Dr. Monika Palmberger.
Konstanze Marx, Georg Weidacher. Internetlinguistik. Ein Lehr- und Arbeitsbuch. 2. Aktualisierte und durchgesehene Auflage. Narr.
Jannis Grimm, Kevin Koehler, Ellen M. Lust, Ilyas Saliba, Isabell Schierenbeck. 2020. Safer Field Research in the Social Sciences. A Guide to Human and Digital Security in Hostile Environments. Sage.