Kollegen im Gespräch
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Serie: 25 Jahre Forschung & Lehre
Die lieben Kollegen

Seit 25 Jahren an derselben Universität: Das Resümee eines Mathematikers über Kollegialität und Rivalitäten im eigenen Arbeitsgebiet.

Von Christian Hesse 13.04.2019

25 Jahre sind eine lange Zeit. Viele solcher Zeit-Portionen hat man im Leben gar nicht. Seit mehr als 25 Jahren ist die Universität Stuttgart mein berufliches Zentrum, genauer, deren Fakultät für Mathematik und Physik. Beide Disziplinen waren vor ihrer Zusammenlegung vor rund 10 Jahren noch eigenständig. Die Motivation für die Vereinigung war, wie so oft, eine finanzielle: Durch Halbierung von Overhead-Kosten, die je Fakultät anfallen, sollte Geld gespart werden. Das gelang.

Doch darüber hinaus gibt es ein größeres und vielleicht unerwartetes Benefit: Verwandte Disziplinen mit ähnlicher Denkweise und wechselseitigen Anwendungsbezügen profitieren enorm von der räumlichen Nähe der beteiligten Personen. Die Vereinigung mehrerer Fachbereiche erzeugt eine besondere Form der intellektuellen Multi-Kulturalität. Und die wiederum fördert den Gedankenaustausch und kreatives Querdenken.

Unter Wissenschaftlern, die den Nobelpreis bekamen, sind Teams von zwei oder drei Forschern aus disparaten Kulturkreisen mit heterogenen Denkansätzen ziemlich oft vertreten. Der Grund: Im Schnittpunkt zweier Gedankenlinien aus verschiedenen Richtungen kann leicht etwas Neues entstehen. Jedenfalls bilden sich intellektuelle Brennpunkte, die es zu kultivieren lohnt. Zwischen Mitgliedern verschiedener Fachbereiche gibt es viele solcher Schnittpunkte. Die häufigeren Interaktionsmöglichkeiten innerhalb einer gemeinsamen Fakultät dynamisieren zudem den Austausch.

Die Corporate Identity des eigenen Fachbereichs

Der eigene Fachbereich ist ein Verständnisverbund. Selten trifft man auf Menschen, die so viel Verständnis für die eigene berufliche Grundsituation haben, wie die Mit­glie­der im Kollegium. Man bildet eine Interessengemeinschaft von Menschen, die ähnliche Dinge tun und für ähnliche Dinge eine Leidenschaft zeigen. Das verbindet. Denn vieles muss nicht mehr eigens erklärt werden. Meist bildet sich eine mächtige Corporate Identity gegenüber dem Rest der Denkwelt heraus.

Doch wo Gleichgesinnte auf engem organisatorischen Raum koexistieren müssen – Menschen noch dazu, die einen großen Teil ihres Lebens investiert haben, um dorthin zu gelangen, wo sie sind, und die das ohne überdurchschnittliche Intelligenz und ebensolche Egos nicht geschafft hätten – entstehen auch Friktionen. Bis hin zu handfesten Problemen. Hervorgerufen werden sie durch Verteilungskämpfe um begrenzte Ressourcen, Dominanzkämpfe um mehr Einfluss, Statuskämpfe um größere Anerkennung. Natürlich gibt es auch die damit einhergehenden hitzigen Debatten.

Selten erhitzen sich die Gemüter aber so sehr, wie bei strittigen und deshalb umkämpften Verfahren zur Besetzung offener Professorenstellen. Leicht zeigen sich dann größere Empfindlichkeiten in Bezug auf das eigene Arbeitsgebiet, das für manche eine ins religionsähnliche gesteigerte Bedeutung hat. Gravierender Dissens bei diesen Anlässen kann sich zu chronisch werdenden Animositäten auswachsen.

"Stets gab es mindestens ein dominierendes Alpha-Männchen, das einerseits viel bewegte, [...] aber ihn auch ein Stück weit lähmte."

Bevor ich nach Stuttgart kam, habe ich andere Fachbereiche an anderen Universitäten in anderen Ländern hautnah erlebt: In Berkeley war ich vier Jahre Assistenzprofessor, an der Australian National University insgesamt ein knappes Jahr Forschungs-Fellow, an der Harvard University drei Jahre Doktorand. Ein Aspekt war überall gleich: Stets gab es mindestens ein dominierendes Alpha-Männchen, das einerseits viel bewegte, dem Fachbereich dadurch seinen Stempel aufdrückte, aber ihn auch ein Stück weit lähmte. Und als Hardliner punktuell zur Verschärfung der allgemeinen Sitten beitrug.

Und noch etwas gab es an allen genannten Orten: Imponierende Zeichen beeindruckender Professionalität, Kollegialität und vorbildlicher Berufsausübung. Auch in meinem eigenen Fachbereich. Doch als Kontrapunkt ebenso und zum Glück nur selten: Fehlentscheidungen zulasten einzelner Personen. Teils deshalb, weil es unter dem Deckmantel einer geheimen Abstimmung besonders leicht ist, jemandem mal ein Bein zu stellen.

Sind wir jetzt überrascht? Nein. Trotz aller Bemühungen um Sachlichkeit menschelt es auch in Fachbereichen. Auch in meinem eigenen.