Flugzeug vor dem Start
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Nachhaltigkeit
Welche Bedeutung hat das Fliegen nach der Corona-Pandemie?

Das Fliegen gehörte vor der Pandemie fest zur Wissenschaft dazu. Jetzt zeigt sich, was davon auch virtuell möglich ist. Das wollen einige nutzen.

Von Katrin Schmermund 25.03.2021

Forschung & Lehre: Herr Professor Gerhards, mit anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern fordern Sie von der Nationalen Akademie der Wissenschaften "Leopoldina" mehr Engagement für den Klimaschutz in der Wissenschaft. Was erwarten Sie?

Jürgen Gerhards:  Die Leopoldina sollte ergänzend zu ihren allgemeinen Stellungnahmen zur Reduzierung von CO2-Emissionen konkrete Vorschläge machen, wie Universitäten und andere wissenschaftliche Institutionen ihre Klimabilanz verbessern können, und dabei auch darauf eingehen, wie das akademische Vielfliegen auf ein vernünftiges Maß reduziert werden kann. Die Anzahl wissenschaftlicher Tagungen ist in den letzten Jahrzehnten stark gestiegen. Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler sammeln Konferenzteilnahmen für ihren Lebenslauf, weil das als karrierefördernd gilt. Auch die Zahl und Größe an wissenschaftlichen Gremien hat zugenommen. Auf einen Lebenslauf sollten besser nur ausgewählte einschlägige Konferenzen gehören und Gremien auf das Notwendige reduziert werden. Gerade bei großen Flugdistanzen würde das die Umweltbelastung durchs Reisen stark reduzieren.

F&L: Dafür sollte es Ihrer Ansicht nach Anreize geben. Woran denken Sie?

Jürgen Gerhards: Eingesparte Flugreisemittel könnten etwa der Kostenstelle eines Instituts gutgeschrieben werden. Dadurch würden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht im Reisen eingeschränkt, würden aber bewusster darüber nachdenken, mit wie vielen Personen sie zu einer Konferenz fliegen, oder ob sie selbst eine Veranstaltung in Präsenz oder virtuell organisieren. Die Leopoldina könnte Empfehlungen abgeben, die Umsetzung muss bei den Universitäten liegen. Soll geflogen werden, sollten Hochschulen oder Förderer die verursachten Emissionen durch Zahlungen für Klimaschutzprojekte kompensieren. An manchen Universitäten geschieht das bereits.

Prof. Dr. Jürgen Gerhards
Jürgen Gerhards hat nach einer Knöchelverletzung vor zehn Jahren notgedrungen erfahren, wie Konferieren virtuell geht. Der Professor für Makrosoziologie an der FU Berlin ist Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Martin Funk

F&L: Wann halten Sie Flüge für gut begründet?

Jürgen Gerhards: Reisen, die der Feldforschung in anderen Regionen der Welt dienen, werden auch in Zukunft unverzichtbar sein. Gleiches gilt, wenn es darum geht, die Kolleginnen und Kollegen eines neuen Projekts kennenzulernen und eine Projektstrategie zu entwickeln, oder wenn in einem Gremium kritische Fragen mit großer hochschulpolitischer Bedeutung ausgehandelt werden. Routine-Absprachen, viele Vorträge und kleinere Konferenzen können dagegen problemlos virtuell stattfinden. Das hat neben eingesparten Emissionen auch andere Vorteile: Die Teilnahme lässt sich oft besser mit dem Privatleben vereinbaren, hochkarätige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können unkompliziert dazugeschaltet werden, und alle sparen Geld für An- und Abreise. Dadurch können auch Forschende aus finanziell schwächeren Ländern eher teilnehmen und Diskussionen gewinnen Perspektiven, die anders zu kurz gekommen wären.

F&L:  Inwieweit hat sich Ihre Haltung zum virtuellen Austausch während der Pandemie verändert?

Jürgen Gerhards: Ich bin offener für virtuelle Formate geworden. Dazu gehören zum Beispiel "Breakout Rooms", in denen jüngere und bereits arriviertere Forscherinnen und Forscher bei Konferenzen nach einem Zufallsprinzip zusammengeschaltet werden, um ihre Forschung zu diskutieren. Zu Beginn war ich skeptisch. Heute muss ich sagen, dass gerade diese Runden extrem bereichernd waren und ich viel dazugelernt habe, was mir bei der bewussten Wahl von Gesprächspersonen wohl entgangen wäre.

CO2-Emissionen an Hochschulen

Meist verursachen an den Hochschulen laut Anfragen von Forschung & Lehre die Gebäude den höchsten CO2-Ausstoß. Die Universität Marburg schreibt zum Beispiel, dass rund 90 Prozent ihres CO2-Ausstoßes auf den Gebäudebereich zurückgingen. Oft sind Gebäude schlecht isoliert oder der Strom wird ineffizient eingesetzt.

Dahinter folgen oft Dienstreisen. Die ETH Zürich hat in einer Studie vor der Corona-Pandemie ermittelt, dass mehr als die Hälfte ihrer CO2-Emissionen auf Dienstreisen zurückzuführen seien.

Um sich insgesamt besser aufzustellen, haben die Hochschulen Klimaschutzkonzepte entwickelt. Oft werden sie dabei über die 2008 gestartete "Nationale Klimaschutzinitiative" des Bundesumweltministeriums unterstützt.

Einzelne Beispiele:

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