Löscharbeiten der Feuerwehr in einem an Brandenburg angrenzenden Waldbrandgebiet.
picture alliance/dpa | Sebastian Kahnert

COP27
Was der Klimawandel Deutschland kostet

Hitze- und Dürresommer, die Flut im Ahrtal, Waldbrände in Brandenburg: Die Auswirkungen der globalen Erwärmung sind auch in Deutschland spürbar.

06.11.2022

Die Corona-Pandemie und Russlands Krieg gegen die Ukraine haben den Klimawandel als Problem in den Hintergrund rücken lassen – allen schlechten Nachrichten zum Trotz. In Pakistan kamen kürzlich erst bei Überschwemmungen mindestens 1.600 Menschen ums Leben. Mehrere Millionen verloren ihr Obdach. Anderswo nahm man das jedoch nur am Rande wahr. "Lasst uns aufhören mit dem Schlafwandeln hin zur Zerstörung unseres Planeten", sagt dazu UN-Generalsekretär António Guterres. "Heute ist es Pakistan. Morgen könnte es euer Land sein."

Bei der diesjährigen Weltklimakonferenz (der 27. solche Gipfel, deshalb auch COP27) im ägyptischen Scharm el Scheich geht es von Sonntag an wieder darum, die Krise durch die menschgemachte Erderwärmung einzudämmen. Im Gegensatz zu Extremwetter-Ereignissen in anderen Teilen der Welt sind die Auswirkungen in Deutschland noch vergleichsweise mild. Trotzdem sterben durch den Klimawandel auch zwischen Alpen und Nordsee jedes Jahr Hunderte, wie aus einer Studie des Prognos-Instituts im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums hervorgeht. Die Schäden im Jahresdurchschnitt seit der Jahrtausendwende: mindestens 6,6 Milliarden Euro. Tendenz: zunehmend.

Dürre, Hitze, Sturzfluten und Überschwemmungen

Die im Juli veröffentlichte Studie beziffert die Schäden durch Dürre und Hitze allein in den Sommern 2018 und 2019 auf knapp 35 Milliarden. Mit 17,8 Milliarden Gesamtschäden war die Forstwirtschaft am schlimmsten betroffen. 9,2 Milliarden Kosten verursachten hitzebedingte Produktionsausfälle in Industrie und Gewerbe: Untersuchungen zufolge arbeitet man bei extremen Temperaturen langsamer und macht mehr Fehler. Ertragsverluste in der Landwirtschaft – vor allem bei Weizen und Kartoffeln – wurden mit 7,8 Milliarden beziffert. Zudem seien mindestens 7.500 Todesfälle auf die hohen Temperaturen 2018/19 zurückzuführen.

Durch die Sturzflut und die Überschwemmungen an Ahr und Erft im Juli 2021 kamen mindestens 183 Menschen ums Leben – mehr als bei allen anderen Katastrophen dieser Art in Deutschland seit 2000 zusammengerechnet. Den Gesamtschaden beziffert die Studie auf 40,5 Milliarden – davon 14 Milliarden in Privathaushalten. Es folgen Bau (6,9 Milliarden) sowie Verkehr und Verkehrsinfrastruktur (6,8 Milliarden). Andere Hagelunwetter und Stürme verursachten darüber hinaus Kosten von 5,2 Milliarden Euro.

Lücken in der Erfassung weiterer Schäden

Die tatsächlichen Klimafolgekosten in Deutschland liegen Prognos zufolge über den 6,6 Milliarden im Durchschnitt pro Jahr seit 2000. "Wir können nur die Schäden erfassen, die sich greifen lassen. Auch gibt es große Erfassungslücken, was die Schäden vergangener Hitze- und Dürreereignisse wie beispielsweise 2003 angeht", sagt Dr. Jan Trenczek von Prognos. Beispielsweise zu hitzebedingten Kosten im Gesundheitssystem oder zu Auswirkungen des Klimawandels auf die biologische Vielfalt seien weitere Forschungen notwendig.

In ihrer Studie berücksichtigten die Wissenschaftler auch Waldbrände nicht. Hintergrund: Nach der offiziellen Statistik lag der Schaden hierdurch aufgrund eines niedrig angesetzten Kostensatzes im Sommer 2018 nur bei 2,6 Millionen. Auch in vielen anderen europäischen Ländern wüteten in diesem Sommer jedoch Waldbrände. Nach Angaben des Deutschen Feuerwehrverbandes verbrannten bis Mitte August bundesweit fast 4.300 Hektar – ein Vielfaches des jährlichen Durchschnittswerts von knapp 776 Hektar (seit 1991). Trenczek beziffert die Schäden auf 615 Millionen.

Maßnahmen zum Klimaschutz

Die Bundesregierung will mehr Geld in Klimaschutz und Klimaanpassung investieren. Grundlage dafür ist die Klimawirkungs- und Risikoanalyse von 2021. Notwendig seien mehr Schutzgebiete und eine nachhaltige Landnutzung, heißt es in der Studie, die alle sechs Jahre herauskommt. Darüber hinaus müsse die Versiegelung durch Siedlungs- und Verkehrsflächen zurückgefahren werden.

Bei den meisten Maßnahmen dauert es der Analyse zufolge allerdings sehr lange, bis sie wirksam werden – der Waldumbau in der Forstwirtschaft mehr als 50 Jahre. Wegen Hitzewellen und Trockenjahren gerät vor allem die eigentlich in Skandinavien beheimatete Fichte unter Druck. Im Harz und anderen Regionen Deutschlands sind riesige Flächen abgestorben. Auf Monokulturen sollen stabilere, gemischte Wälder folgen.

1,5-Grad-Ziel

Insbesondere Forst- und Landwirtschaft müssen sich an den Klimawandel anpassen – jede eingesparte Tonne CO2 zählt. Schon vor der COP27 haben die Vereinten Nationen weltweit radikale Veränderungen in allen Wirtschaftszweigen gefordert: Mit den vor einem Jahr bei COP26 in Glasgow auf den Weg gebrachten CO2-Einsparungen werde sich die Erde bis zum Ende des Jahrhunderts um 2,4 bis 2,6 Grad erwärmen – deutlich mehr als der 2015 in Paris beschlossene Wert von höchstens 1,5 Grad.

Der Klimaforscher Professor Mojib Latif aus Kiel beobachtet die Klimapolitik der Ampel-Koalition mit Sorge. "Im Moment geht es in Deutschland infolge des Krieges und der damit in Zusammenhang stehenden Energiekrise leider rückwärts", sagt Latif. "Ich bin sehr skeptisch, ob Deutschland seine Klimaziele einhalten kann." Schon Anfang des Jahres hatte die Bundesregierung mitgeteilt, dass der CO2-Ausstoß 2021 nicht wie geplant reduziert wurde. Vor allem die Sektoren Verkehr und Gebäude lagen über den festgelegten Mengen.

Christina Sticht (dpa)