Zwei Frauen in weißen Kitteln schauen sich Reagenzgläser mit bunten Flüssigkeiten an.
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Gleichstellung
Internationaler Tag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft

Deutschland ist beim Frauenanteil in Forschung und Entwicklung EU-Schlusslicht. Bei den Erstsemestern wächst der Frauenanteil stetig.

Von Christine Vallbracht 10.02.2024

Die 30-jährige Carolin Meyer-Schwalm gehört als Wissenschaftlerin am Fraunhofer-Institut für Kommunikation, Informationsverarbeitung und Ergonomie noch immer zu einer Minderheit: Frauen, die in Forschung und Entwicklung (F&E) tätig sind. "Elektrotechnik studieren? Das habe ich mich zuerst nicht getraut", sagt Meyer-Schwalm. Schließlich habe sie in ihrer Freizeit weder Stunden mit Löten und Schweißen zugebracht, noch sich als naturwissenschaftlicher "Nerd" gefühlt. Getraut hat sie sich dennoch – und das Studium der Elektrotechnik an der RWTH Aachen erfolgreich abgeschlossen. 

"Elektrotechnik studieren? Das habe ich mich zuerst nicht getraut."
Carolin Meyer-Schwalm, Wissenschaftlerin am Fraunhofer-Institut für Kommunikation, Informationsverarbeitung und Ergonomie

Nur knapp ein Drittel der weltweit in der Wissenschaft Beschäftigten sind Frauen. Insbesondere in den sogenannten MINT-Fächern – Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik – sind Männer sowohl im Studium als auch in der Berufswelt nach wie vor deutlich in der Mehrheit. An dieser Geschlechterverteilung hat sich mit Blick auf das vergangene Jahrzehnt kaum etwas verändert: So stieg laut Statistischem Bundesamt der Frauenanteil im Forschungs- und Entwicklungs-Bereich zwischen 2011 und 2021 in Deutschland um gerade einmal 2,6 Prozent. 

Frauen sind in der Wissenschaft Deutschlands mit 22,7 Prozent der dort Beschäftigten weiterhin deutlich unterrepräsentiert. Ihre gesellschaftliche Bedeutung würdigen die Vereinten Nationen (UN) seit 2015 alljährlich am 11. Februar mit dem "Internationalen Tag der Mädchen und Frauen in der Wissenschaft". 

Anteil der Frauen unter den Studierenden wächst seit Jahren 

Im Wintersemester 2021/22 waren nach Daten des Statistischen Bundesamtes mit 1.478.134 Studienanfängerinnen (50,2 Prozent) erstmals mehr weibliche als männliche Studierende an deutschen Hochschulen eingeschrieben. Im vergangenen Herbst haben somit zum achten Mal in Folge mehr Frauen als Männer an deutschen Hochschulen ein Studium aufgenommen. 

In Bezug auf Fächervorlieben zeigen sich weltweit und auch in Deutschland bestimmte Trends. Während Frauen in den Geistes- und Sozialwissenschaften oft gut vertreten sind, bleiben sie in den Naturwissenschaften und Ingenieurwissenschaften unterrepräsentiert. In den letzten Jahren gab es jedoch einige positive Entwicklungen, insbesondere in den Lebenswissenschaften und der Medizin, wo der Anteil von Frauen unter den Absolventinnen und Forschenden gestiegen ist. Trotz dieser Fortschritte bleiben jedoch Herausforderungen bestehen, darunter stereotype Vorstellungen von Geschlechterrollen, mangelnde Sichtbarkeit von weiblichen Vorbildern in der Wissenschaft und familienunfreundliche Arbeitsbedingungen. 

ZEIT Campus berichtete Ende Januar, dass sich die Studierenden auch bei der Fächerwahl stark annäherten oder die Frauen sogar bisherige Männerdomänen für sich eroberten: "Zur Jahrtausendwende waren die Männer noch knapp in der Überzahl. Mittlerweile ist Architektur ein eher weibliches Fach. Auch in Rechtswissenschaften oder Grafikdesign liegt die Frauenquote der Erstsemester inzwischen bei über 60 Prozent. (…) Philosophie und BWL sind beliebte Studienfächer, hier gibt es nur geringe Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Bei Wirtschaftsfächern haben Studiengänge mit internationaler Ausrichtung und Fremdsprachenfokus oft höhere Frauenanteile, sagt Cort-Denis Hachmeister vom CHE. Auch in Geschichte ist das Verhältnis relativ ausgeglichen, obwohl der Trend zuletzt etwas auseinanderdriftet." 

In den oberen Etagen der Wissenschaft ist die Luft für Frauen dünn 

Der Frauenanteil auf weiterführenden Qualifikationsstufen ist in den vergangenen Jahren in Deutschland gestiegen. Allerdings nimmt er mit steigendem Qualifikationsniveau und Status der einzelnen Positionen auf der akademischen Karriereleiter kontinuierlich ab. Während im Jahr 2018 bereits 45 Prozent aller Doktortitel von Frauen erworben wurden, lag die Frauenquote bei den Habilitationen bei 32 Prozent. 

Unter den neuberufenen Junior-, W2- und W3-Professorinnen und Professoren lag der Frauenanteil bei 43 Prozent, 34 Prozent beziehungsweise 27 Prozent. Laut dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) waren im Jahr 2020 etwa 33 Prozent der Professuren an deutschen Universitäten von Frauen besetzt, im Vergleich zu 24 Prozent im Jahr 2008. Dennoch gibt es nach wie vor eine deutliche Diskrepanz zwischen den Geschlechtern, insbesondere in den Bereichen Ingenieurwissenschaften und Informatik. 

Individuelles Coaching und Beratung finden Nachwuchswissenschaftlerinnen inzwischen an vielen Universitäten. Einige haben ein Gender- und Diversitätskonzept wie die Universität München, Frauenbeauftragte – etwa an den Universitäten in Bonn, Frankfurt und Jena – oder eigene Frauenförderungsprojekte – wie beispielsweise die Universität Bremen oder die Fernuniversität Hagen. Darüber hinaus gibt es Netzwerke, Beratungs- und Vermittlungsangebote wie das Coachingnetz Wissenschaft e.V. , AcademiaNet oder mit Technikschwerpunkt FEMTEC

Stark differierender Frauenanteil im Ländervergleich 

Der in sechs Kapitel unterteilte Bericht "She Figures 2021" verfolgt den chronologischen Weg von Frauen innerhalb der EU von der Erlangung eines Doktortitels über die Teilnahme am Arbeitsmarkt bis hin zur Übernahme von Entscheidungsrollen. Der Report untersucht Unterschiede in den Arbeitsbedingungen von Frauen und Männern sowie in der Forschungs- und Innovationsleistung. Er wird seit 2003 alle drei Jahre veröffentlicht und stellt eine wichtige Faktengrundlage für die Politik in diesem Bereich dar. Die Daten aus dem Jahr 2021 zeigen, dass deutlich mehr Frauen absolvieren (59 Prozent) als Männer. Auf der Doktoratsstufe besteht mit 48 Prozent Frauenanteil noch nahezu ein Geschlechtergleichgewicht. 

Laut Eurostat, dem statistischen Amt der Europäischen Union, lag der Anteil der Frauen unter den Forschenden im Jahr 2020 bei etwa 42 Prozent. Spitzenplätze belegen hier Nordmazedonien mit rund 57 Prozent, Serbien mit 53 Prozent und Montenegro mit 51 Prozent Frauenanteil. Deutschland ist mit seinem rund 23-prozentigen Anteil von Frauen unter den Beschäftigen in Forschung und Entwicklung Schlusslicht aller EU-27-Länder. 

Frauen sind bei Patentanmeldungen ebenfalls weiterhin stark unterrepräsentiert. Erfinderinnen trugen nach Angaben der World Intellectual Property Organization (WIPO) im Jahr 2020 nur knapp 17 Prozent (2006: 11 Prozent) der internationalen Patentanmeldungen bei. Bei rund 34 Prozent der Patentanmeldungen war mindestens eine Frau beteiligt (2006: 22 Prozent). Deutschland (11 Prozent), Japan (10 Prozent) und Österreich (8 Prozent) weisen unterdurchschnittliche Werte mit Blick auf die Beteiligung von mindestens einer Erfinderin an internationalen Patentanmeldungen auf. Dagegen verzeichnen China (22 Prozent) und Südkorea (21 Prozent) überdurchschnittliche Frauenanteile. 

Internationale Förderprogramme für Frauen in der Forschung 

Die Europäische Kommission hat verschiedene Initiativen gestartet, um die Geschlechtergleichstellung in der Wissenschaft zu fördern. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen betonte die Bedeutung von Frauen in der Forschung und forderte eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedstaaten, um Hindernisse für die Teilnahme von Frauen abzubauen. 

Die Internationale Gemeinschaft hat sich verpflichtet, die Geschlechtergleichstellung in der Wissenschaft zu fördern. Dr. Soumya Swaminathan, Chef-Wissenschaftlerin der Weltgesundheitsorganisation (WHO), betonte die Bedeutung von Frauen in der globalen Forschung und forderte eine verstärkte Unterstützung für Programme zur Förderung von Mädchen in den Naturwissenschaften. 

Beispiele für nationale und internationale Förderprojekte 

Die Förderung von Frauen und Mädchen in der Wissenschaft erfordert ein koordiniertes Vorgehen auf politischer, institutioneller und gesellschaftlicher Ebene. Durch gezielte Maßnahmen zur Sensibilisierung, Förderung von Chancengleichheit und Schaffung von familienfreundlichen Arbeitsbedingungen können die entscheidenden Akteurinnen und Akteure dazu beitragen, die Teilhabe von Frauen an der Wissenschaft und Forschung zu stärken und ihr Potenzial voll auszuschöpfen. 

Die Deutsche UNESCO-Kommission und L’Oréal Deutschland vergeben in Partnerschaft mit der Christiane Nüsslein-Volhard-Stiftung unter dem Fördertitel "For Women in Science" jährlich drei Förderungen von jeweils 20.000 Euro. Zielgruppe sind forschende Frauen mit Kindern. Gefördert werden drei Doktorandinnen oder Postdoktorandinnen aus den experimentellen Naturwissenschaften und der Medizin für die Dauer eines Jahres ab Vergabe mit bis zu 20.000 Euro. Durch die Förderung sollen sie ihr wissenschaftliches Potenzial optimal ausnutzen und mehr Zeit für ihre wissenschaftliche Arbeit gewinnen. Auf den Webseiten www.fwis-programm.de und www.cnv-stiftung.de finden Interessentinnen alle Informationen für die Einreichung der Bewerbung. 

In Partnerschaft mit der Deutschen Gesellschaft der Humboldtianer werden ab 2024 innerhalb des Förderprogramms „For Women in Science“ zusätzlich jährlich vier herausragende Wissenschaftlerinnen der experimentellen Naturwissenschaften in der Doc- und Post-Doc-Phase mit jeweils 25.000 Euro gefördert. "Frauen stehen in der Wissenschaft vor besonderen Herausforderungen. Noch immer spielt die Doppelbelastung zwischen Beruf und Familie dabei eine große Rolle. Die Hürden, um in jungen Jahren in die Forschung einzusteigen, sind für sie oft höher als für ihre Kollegen", erläuterte Dr. Roman Luckscheiter, Generalsekretär der Deutschen UNESCO-Kommission gegenüber "Worldnews 24" die Hintergründe der Kooperation. Laut "Worldnews 24" stehe das Förderprogramm unter der Schirmherrschaft von Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger. 

Die Bundesregierung unterstützt die Hochschulen mit dem Professorinnenprogramm des Bundes und der Länder. In dessen Rahmen konnten Stand Ende 2020 bisher 761 mit exzellenten Wissenschaftlerinnen besetzte Professuren gefördert werden. Das Professorinnenprogramm erhöht die Anzahl der Professorinnen nachhaltig und stärkt durch spezifische Maßnahmen die Gleichstellungsstrukturen an Hochschulen. In der aktuellen dritten Phase des Professorinnenprogramms liegt ein Fokus auf dem Bereich "Personalentwicklung und -gewinnung auf dem Weg zur Professur" und damit auf der Förderung von Nachwuchswissenschaftlerinnen. Im Tenure-Track-Programm sind 48 Prozent der bislang geförderten Professuren mit Frauen besetzt (Stand: 01.01.2021). 

Auch die Europäische Kommission setzt sich mit ihrer "Gleichstellungsstrategie 2020-2025" dafür ein, die Gleichstellung der Geschlechter in Forschung und Innovation zu fördern. Dieser Einsatz für Geschlechtergerechtigkeit findet sich in Teilen des EU-Förderprogramms Horizon Europe wieder. Beispielsweise werden zweckgebundene Gelder zur Verfügung gestellt für gender- und intersektionale Forschung im Rahmen des Förder-Clusters "Kultur, Kreativität und integrative Gesellschaft". Im Förderprogrammteil zur Stärkung des europäischen Forschungsraums wird die Entwicklung integrativer Geschlechtergleichstellungs-Vorgaben gefördert. Innovatorinnen werden im Förderteil III von Horizon Europe, "Innovatives Europa", besonders berücksichtigt.