Überkochender Topf auf einem Herd (Symbolische Darstellung eines überhitzten Systems)
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Wissenschaftliche Karriereperspektiven
Überhitztes System

Es gibt immer mehr Promovierte, doch nur wenige können die akademische Karriereleiter weiter nach oben steigen. Wie man diese Dynamik abkühlen könnte.

Von Andreas Reckwitz 14.06.2022

Das kürzlich als Buch erschienene Manifest des wissenschaftlichen Nachwuchses "#IchbinHanna" und das neue Berliner Hochschulgesetz, das die Einrichtung von Dauerstellen für qualifizierte Postdocs vorsieht, erhitzen die Gemüter. Zu Recht richtet sich damit der Blick auf ein Problem, welches das deutsche Wissenschaftssystem in den letzten Jahren aus den Augen verloren hat: die beruflichen Chancen des wissenschaftlichen Nachwuchses, der sich häufig jahrelang von einer befristeten Stelle zur nächsten hangelt. Und zu Recht wird sich in der Diskussion dafür stark gemacht, dass neben den Professuren als zweiter Pfad Postdoc-Dauerstellen für Daueraufgaben eingerichtet werden.

Aber das Problem reicht tiefer, und es scheint eine Grundsatzdiskussion nötig. In den letzten 20 Jahren ist ein eklatantes quantitatives Missverhältnis entstanden: Infolge der starken Expansion der Drittmittelforschung qualifizieren die Universitäten heute auf der einen Seite eine sehr viel größere Zahl von Doktorandinnen und Doktoranden und Postdocs als jemals zuvor, eine immense Zahl von exzellent ausgebildeten Menschen mit legitimen Hoffnungen auf eine wissenschaftliche Laufbahn. Auf der anderen Seite erhalten im Rahmen eines Hochschulsystems des gegenwärtigen Umfangs jedoch nur sehr wenige von ihnen die Chance, Wissenschaft auf Dauer zum Beruf zu machen.

Der Grund für dieses Missverhältnis: Das deutsche Hochschulsystem hat seit den 2000er Jahren, nicht zuletzt angetrieben durch die Exzellenzinitiative und durch eine Umstellung der Hochschulen auf ein New Public Management, das von Professorinnen und Professoren einen hohen Drittmittel-Output erwartet, systematisch auf eine Expansion der Drittmittelforschung gesetzt. Diese ist jedoch Projektforschung mit befristeten Verträgen. Mehr Forschung, mehr Projekte, mehr Drittmittel, damit auch mehr Docs und Postdocs – so lautet das Mantra der Hochschulleitungen und Wissenschaftsministerien.

Die Forschungsförderung hat den Universitäten sicherlich eine willkommene Dynamik gebracht. Dass man mit dieser Expansions- und Wettbewerbsstrategie jedoch nicht nur Forschung ermöglicht oder sich in Exzellenzrunden positioniert, sondern auch Menschen ausbildet, die legitime Erwartungen auf eine wissenschaftliche Laufbahn hegen und von denen viele früher oder später aus dem System gedrängt werden, hat man allerdings offenbar nicht mitbedacht. Während die Grundausstattung der Universitäten stagniert, hat die Drittmittelexpansion das Hochschulsystem so in eine Steigerungsdynamik manövriert, die am Ende leerläuft. In Wirtschaft und Gesellschaft ist heute viel von Nachhaltigkeit die Rede. Tatsächlich wäre eine nachhaltige Strategie der Hochschulentwicklung gefragt. Statt das überhitzte System weiter anzuheizen und auf ein "Immer mehr" der Projektförderung mit ihren befristeten Qualifikationsstellen zu setzen, wäre eine Umschichtung der Mittel zu einer auskömmlichen Grundfinanzierung der Hochschulen sinnvoll. Davon profitieren würde langfristig nicht nur der wissenschaftliche Nachwuchs.

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